Inhaltsverzeichnis 

A Publikationen

Ab November

B Stellungnahmen

  • Beschluss G-BA

  • Mullkompressen und Tupfer in der Modernen Wundversorgung

Stellungnahmen

Beschluss G-BA

 

Bestimmte Produkte sind für eine fachgerechte Wundversorgung unverzichtbar. Ihr Wegfall kann aus pflegefachlicher Sicht allenfalls durch häufigere Wechsel zwischen Nass- und Trockenphasen ausgeglichen werden. Dies verkürzt jedoch die Verweildauer der Verbände erheblich und macht deutlich häufigere Verbandwechsel erforderlich. In der Folge kann sich die Wundheilung verzögern und die gesamte Heilungsdauer verlängern.

Darüber hinaus verfügen ambulante Pflegedienste im Rahmen der von den Krankenkassen in Sachsen vorgegebenen Zeitkontingente häufig nicht über ausreichende personelle und zeitliche Ressourcen, um diesen zusätzlichen Aufwand fachgerecht abzudecken. Die vorhandenen Versorgungskapazitäten sind bereits heute eng bemessen.

Aus pflegefachlicher und gesundheitsökonomischer Sicht sind daher insbesondere folgende Folgen zu erwarten:

  • Zunahme stationärer Krankenhausaufnahmen aufgrund von Komplikationen in der Wundversorgung
    → zusätzliche Kosten durch Krankentransporte, stationäre Behandlungen und längere Aufenthaltsdauern

  • Häufigerer Einsatz antibiotischer Therapien infolge verschlechterter oder infizierter Wundverläufe
    → erhöhtes Risiko für die Entwicklung antibiotikaresistenter Erreger

  • Zunahme notwendiger Amputationen bei chronischen oder komplizierten Wunden

Insgesamt ist daher nicht von einer tatsächlichen Kostenreduktion auszugehen. Stattdessen werden Kosten in andere Versorgungsbereiche verlagert, insbesondere in den stationären Sektor. Dies geht mit einer Verschlechterung der Versorgungsqualität und potenziell schwerwiegenderen gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen einher.

 

Ein weiterer kritischer Aspekt ist der wirtschaftlich nicht immer nachvollziehbare Einsatz kostenintensiver Verbandmaterialien. In Einzelfällen besteht die Gefahr einer Überversorgung oder einer nicht indikationsgerechten Auswahl von Wundprodukten, obwohl kostengünstigere und fachlich ausreichende Alternativen zur Verfügung stehen.

So kann es beispielsweise vorkommen, dass bei kleinen, reizlosen Dekubitalulzera ohne klinische Entzündungszeichen hochpreisige antimikrobielle Verbandstoffe eingesetzt werden, obwohl eine einfache hydroaktive Versorgung fachlich ausreichend wäre. Silberhaltige Wundauflagen sollten grundsätzlich nur bei entsprechender Indikation, etwa bei kritisch kolonisierten oder infizierten Wunden, angewendet werden.

Eine wirtschaftliche und leitliniengerechte Wundversorgung setzt daher eine nachvollziehbare Indikationsstellung sowie eine sorgfältige Dokumentation des Wundverlaufs und der eingesetzten Materialien voraus.

„Bei wiederholt auffälligen oder medizinisch nicht nachvollziehbaren Versorgungsmustern sollten Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsprüfungen erfolgen. Bei nachweislich unwirtschaftlicher oder nicht indikationsgerechter Versorgung kann die Einleitung von Regressverfahren geprüft werden.“

--> Die Kosten werden somit nicht reduziert, sondern lediglich in andere Versorgungsbereiche verlagert.

 

Mullkompressen und Tupfer als Wundauflage in der modernen Wundversorgung

 

Mullkompressen und Tupfer werden in der Wundversorgung nach wie vor häufig zur kurzfristigen Wundabdeckung, Reinigung oder Tamponade eingesetzt. Gegen eine sterile, zeitlich begrenzte Abdeckung frischer Wunden zur Infektionsprophylaxe ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Der dauerhafte Einsatz klassischer Mullkompressen als primäre Wundauflage oder Tamponade bei tiefen oder granulierenden Wunden ist jedoch kritisch zu bewerten.

Insbesondere nach operativen Eingriffen – etwa nach Abszessspaltungen, Débridements oder bei Sinus pilonidalis – werden Patientinnen und Patienten teilweise noch mit herkömmlichen Mulltupfern zur Austamponierung entlassen. Nach heutigem wundtherapeutischem Verständnis entspricht dieses Vorgehen jedoch nur noch eingeschränkt dem aktuellen Standard.

Problematik von Mullkompressen in der Wundversorgung

Bei der Versorgung tiefer oder chronischer Wunden haben klassische Mullkompressen mehrere Nachteile:

  • Verklebung mit dem Wundgrund:
    Mullkompressen können mit Wundsekret und Granulationsgewebe verkleben. Beim Verbandwechsel kann dadurch neu gebildetes Gewebe mechanisch verletzt oder wieder aufgerissen werden. Dies verzögert die Wundheilung und erhöht die Schmerzbelastung der Betroffenen.
  • Störung des feuchten Wundmilieus:
    Eine moderne Wundversorgung zielt darauf ab, ein physiologisch feuchtes Wundmilieu zu erhalten, da dieses Granulation und Epithelisierung fördert. Trockene Mullauflagen können dagegen zur Austrocknung der Wunde oder – bei unzureichendem Exsudatmanagement – zur Mazeration der Wundumgebung führen.
  • Unzureichendes Exsudatmanagement:
    Mull nimmt Exsudat zwar auf, kann es jedoch nur begrenzt speichern und gibt Flüssigkeit möglicherweise wieder an die Wunde oder die Umgebungshaut ab. Dadurch steigt das Risiko für Mazerationen und weitere Hautschäden.
  • Schmerzen beim Verbandwechsel:
    Durch die Verklebung mit dem Wundgrund kann das Entfernen der Kompressen für viele Patientinnen und Patienten mit erheblichen Schmerzen verbunden sein.

Moderne Anforderungen an Wundauflagen

Aktuelle Leitlinien und wundtherapeutische Konzepte empfehlen phasengerechte, atraumatische Wundauflagen mit wirksamem Exsudatmanagement. Ziel ist es, ein feuchtes Wundmilieu zu fördern, das Granulationsgewebe zu schützen und die Versorgung möglichst schmerzarm zu gestalten.

Für tiefe oder stark exsudierende Wunden stehen heute deutlich besser geeignete Materialien zur Verfügung, zum Beispiel:

  • Hydrofaserverbände
  • Alginate
  • Schaumverbände
  • Superabsorber
  • Silikonbeschichtete Wundauflagen

Diese Materialien ermöglichen eine atraumatische Verbandentfernung und unterstützen den Heilungsverlauf in der Regel deutlich besser als klassische Mulltamponaden.

Fazit

Mullkompressen und Tupfer haben weiterhin ihren festen Platz in der Wundversorgung – insbesondere bei der Wundreinigung, zur kurzfristigen Wundabdeckung oder in bestimmten Nass-Trocken-Phasen. Als dauerhafte Wundauflage oder Tamponade bei tiefen, granulierenden oder chronischen Wunden sind sie jedoch aufgrund des hohen Risikos für Verklebungen, Schmerzen, Gewebeschäd